Die meisten Schlaraffenreyche entstehen dort, wo Leute wohnen. Dieses hier entstand dort, wo Leute zur Kur waren. Eine Kurcolonie war ein Reych auf Zeit — eine Einrichtung für Schlaraffen, die in einem Badeort weilten und ihr Spiel deswegen nicht unterbrechen wollten. Aus einer solchen Einrichtung ist in Bad Nauheim ein festes Reych geworden. Das erklärt den Namen, die Doppelstadt und den Umstand, daß die großen Feste bis heute im Kurhaus gefeiert werden.
Was eine Kurcolonie war
Das neunzehnte Jahrhundert hat die Bäder erfunden, und mit ihnen eine eigene Art zu leben: Wochen am selben Ort, unter Fremden, zwischen zwei Anwendungen viel Zeit. Wer als Schlaraffe zur Kur fuhr, mußte sein Spiel für diese Wochen aufgeben — es sei denn, es fand sich am Kurort eine Runde. Genau dafür gab es die Kurcolonien: keine Reyche im vollen Sinn, keine bloßen Stammtische, sondern eine schlaraffische Einrichtung für die Dauer der Saison, in der Sassen aus vielen Reychen zusammensaßen.
Das Eigentümliche an Bad Nauheim ist, daß es dabei nicht blieb. Aus dem Reych auf Zeit wurde ein Reych auf Dauer — die Nauinheimbia. In der Uhu-CMS-Flotte ist das ein Einzelfall.
Bad Nauheim, Kurort von Rang
Um zu verstehen, warum sich hier genug Schlaraffen fanden, muß man wissen, was Bad Nauheim in jenen Jahren war: ein Kurort von europäischem Rang, mit einem Kurbetrieb, der Gäste aus dem ganzen Kaiserreich und weit darüber hinaus zog.
Das Kurhaus wurde 1862/64 erbaut und unter Großherzog Ernst Ludwig um einen Konzertsaal mit Jugendstilmalereien erweitert — jenen Saal, in dem dieses Reych seine Stiftungsfeste feiert. Zwischen 1905 und 1912 entstand nach Plänen Wilhelm Josts der Sprudelhof mit sechs Badehäusern und zwei Verwaltungsgebäuden; Künstler der Darmstädter Künstlerkolonie wirkten daran mit. Ein Badeort, der sich von Künstlern ausstatten läßt, ist für Schlaraffen kein zufälliger Ort.
1911: die erste Krystalline
Im Jahr 1911 fanden sich in Bad Nauheim einige zur Kur weilende Schlaraffen und ortsansässige Theaterkünstler zu einer Krystalline zusammen — einer schlaraffischen Runde außerhalb der Sippungszeit. Was als Zeitvertreib zwischen zwei Anwendungen begann, hielt sich über ein Jahrzehnt und trug bald den halboffiziellen Namen Kurschlaraffia.
Kurschlaraffia — mehr als ein Stammtisch
Daß diese Runde in ganz Allschlaraffia wahrgenommen wurde, läßt sich belegen. Im Jahr 1921 verlieh die Allmutter dem Kantzler Dr. Striese aus dem Reych Flensburgia den Orden vom „Kegel zum Pudel“ mit Eichenlaub und Schwertern — ausdrücklich für seine Verdienste um die Kurkolonie Nauinheimbia. Ein Orden mit Eichenlaub und Schwertern für die Arbeit an einer Kurcolonie: Das ist keine Nebensache.
Am 28. Wonnemond 1922 — der Wonnemond ist der Mai — feierte die Kurcolonie Nauinheimbia in Bad Nauheim ihr zehnjähriges Bestehen. Das ist die interessanteste Zahl dieser Seite, denn sie führt auf 1912 als Jahr, von dem an die Colonie ihr Bestehen zählte. Die erste Krystalline von 1911 und dieser Zählbeginn widersprechen sich nicht: Aus der Runde von 1911 wurde ein Jahr später eine Einrichtung mit eigenem Anfangsdatum.
1923 bildete sich in Friedberg ein eigener Stammtisch, „Zur Grünen Eule“, den ein Beleg des Reychsarchivs ausdrücklich die Keimzelle nennt. Damit hatte das künftige Reych zwei Wurzeln: die Kurgäste in Bad Nauheim und die Friedberger am eigenen Tisch.
1924 bis 1926: aus der Colonie ein Reych
Am 8. Windmond 1924 — der Windmond ist der November — erteilte Allmutter Praga der beabsichtigten Neugründung in Nauheim die Gründungsbewilligung als Colonie Nauinheimbia; die Mutterschaft übernahm das hohe Reych 76 Francofurta. Im Windmond 1925 zeigte die Allmutter die beantragte Sanktionierung an, am 15. Hornung 1926 — der Hornung ist der Februar — verfügte sie die Ausfertigung der Sanktionsbulle. Gefeiert wurde vom 8. bis 10. Wonnemond 1926 im damaligen Sprudelhotel zu Bad Nauheim.
Aus dem Reych auf Zeit war ein Reych geworden — und es behielt den Namen der Kur.
Der Bogen bis heute
Das Kurhaus ist dem Reych geblieben, und mit ihm die Bad Nauheimer Seite seines Lebens:
- 10. Ostermond 1999 — zum 75. Stiftungsfest wurde der Festsaal im Kurhaus geweiht, und der Allschlaraffische Oberschlaraffe gab die Ehre. Der Ostermond ist der April.
- 78. Jahrung — die 2000. Sippung, gefeiert im Spiegelsaal des Kurhauses.
- Erntemond 2007 — ein Sommerfest im Bad Nauheimer Kurpark mit fünfzig schlaraffischen Gästen und Heißluftballons. Der Erntemond ist der August.
- Jede Sommerung — die Sommerkristalline, in der das Reych dort weitermacht, wo es angefangen hat: außerhalb der Sippungszeit, im Freien, ohne Zeremoniell.
Gesippt wird im Dicken Turm zu Friedberg. Gefeiert wird in Bad Nauheim. Die sieben Kilometer dazwischen sind die Geschichte dieses Reyches.
Die schlaraffischen Angaben dieser Seite sind im elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv belegt, überwiegend in den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung; die Angaben zum Kurhaus, zum Sprudelhof und zur Darmstädter Künstlerkolonie folgen den öffentlich zugänglichen Darstellungen zu Bad Nauheim. Zwei Punkte sind offen: Das Sprudelhotel, in dem 1926 die Sanktion gefeiert wurde, ist reychsinterne Überlieferung — eine profane Quelle zu diesem Haus haben wir nicht gefunden; widerlegt ist die Angabe nicht, nur unabhängig unbestätigt. Und der Gründungstag wird unterschiedlich datiert: Das Verzeichnis und die Sanktionsakte nennen den 8. Windmond a. U. 65, ein weiterer Beleg datiert die Gründungswelle jenes Jahrganges auf den 8. Eismond. Wo eine Lesung unsicher ist, steht es im Text.