Hundert Jahre Nauinheimbia

Von der Kurschlaraffia in Bad Nauheim in den Dicken Turm zu Friedberg

Zwei Orte, ein Reych

Der Name dieses Reyches nennt zwei Städte, die sieben Kilometer Wetterau trennen, und beide zu Recht. Nauinheimbia kommt von Bad Nauheim, wo Schlaraffen zur Kur zusammensaßen, ehe es hier ein Reych gab. Wettereiba aurea, die goldene Wetterau, ist die Landschaft dazu — und ihre Kreisstadt Friedberg hält die Burg. Wer die Geschichte dieses Reyches erzählt, muß deshalb zweimal ansetzen: im Kurpark und auf dem Basaltfelsen. Mehr über beide Städte steht auf der Seite Friedberg und Bad Nauheim.

Ein Wort zum Kalender, damit die Daten dieser Seite lesbar bleiben: Die Schlaraffen führen eigene Monatsnamen. Eismond ist der Januar, Hornung der Februar, Lenzmond der März, Ostermond der April, Wonnemond der Mai, Heumond der Juli, Erntemond der August, Lethemond der Oktober, Windmond der November und Christmond der Dezember.

Es fing im Kurpark an

Bad Nauheim war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein Kurort von Rang, und Kurorte haben die Eigenschaft, daß dort Menschen aufeinandertreffen, die zuhause nie an einem Tisch säßen. Im Jahr 1911 fanden sich einige zur Kur weilende Schlaraffen und ortsansässige Theaterkünstler zu einer Krystalline zusammen — einer schlaraffischen Runde außerhalb der Sippungszeit. Was als Zeitvertreib zwischen zwei Anwendungen begann, hielt sich über ein Jahrzehnt und trug bald den halboffiziellen Namen Kurschlaraffia.

Daß daraus mehr wurde als ein Stammtisch, läßt sich belegen: Im Jahr 1921 verlieh die Allmutter dem Kantzler Dr. Striese aus dem Reych Flensburgia den Orden vom „Kegel zum Pudel“ mit Eichenlaub und Schwertern — ausdrücklich für seine Verdienste um die Kurkolonie Nauinheimbia. Und im Wonnemond 1922 beging diese Kurcolonie in Nauheim ihr Stiftungsfest.

Parallel dazu bildete sich 1923 in Friedberg ein eigener Stammtisch. Damit war der Boden bereitet: hier die Kurgäste, dort die Friedberger, dazwischen sieben Kilometer Wetterau.

Diese Vorgeschichte ist die eigentliche Besonderheit des Reyches und hat eine eigene Seite bekommen: Die Kurcolonie — als die Schlaraffia zur Kur ging.

Die Gründung

Am 8. Windmond 1924 erteilte Allmutter Praga der beabsichtigten Neugründung in Nauheim die Gründungsbewilligung als Colonie Nauinheimbia. Die Mutterschaft übernahm das hohe Reych 76 Francofurta. Im selben Jahr entstanden auch die Reyche Gaudia mundi (246) und Athenae Gotingenses (248) — die drei nennen sich seither die Drillingsreyche und feiern bis heute gemeinsam.

Im Windmond 1925 zeigte die Allmutter die beantragte Sanktionierung an, und am 15. Hornung 1926 verfügte sie die Ausfertigung der Sanktionsbulle. Gefeiert wurde vom 8. bis 10. Wonnemond 1926 in einem rauschenden Fest im damaligen Sprudelhotel zu Bad Nauheim. Es folgte ein glückliches Jahrzehnt: treffliche Ritter, erleuchtete Herrlichkeiten, bestechende Meister des Wortes, der Kunst und der Musik.

Die Burg — ein Bollwerk um 1500

Des Reyches Stolz ist seine Burg, und sie ist älter als jede Schlaraffia. Der Dicke Turm entstand um 1500 als Bollwerk der Friedberger Reichsburg — zu einer Zeit, als Mauern nicht mehr nur gegen Leitern halten mußten, sondern gegen Kanonen. Das sieht man ihm an: ein massiger Zylinder aus Bruchstein, die Mauern über fünf Meter stark, im Inneren zwei Kuppelräume übereinander, deren Gewölbe an die zehn Meter messen. Angebunden war er an den Zwinger auf der Südseite der Burg. Erst die neue Straßenführung von 1840/41 schnitt ihn von den übrigen Wehranlagen ab — und machte damit, ohne es zu wollen, ein Uhunest möglich.

Die Nachbarschaft ist keine kleine. Die Friedberger Burganlage umfaßt 3,9 Hektar und zählt damit zu den größten Deutschlands. Gegründet wurde sie vermutlich zwischen 1171 und 1180 im Auftrag Kaiser Friedrich Barbarossas, erstmals bezeugt am 26. Oktober 1216 als „Wridburg“. Ihr Bergfried, der Adolfsturm, mißt 54,42 Meter und wurde aus dem Lösegeld für Graf Adolf von Nassau bezahlt, den die Friedberger Burgmannen 1347 gefangengenommen hatten. Die doppelte Umwehrung des 14. bis 16. Jahrhunderts ist in ganzem Umfang erhalten. Die Burggrafschaft bestand bis 1806; 1846 starb mit Sigmund Löw von und zu Steinfurth der letzte Burgmann.

In dieses Gemäuer sah 1926 Rt Luginsland der Burgfechser, was andere übersahen — er war von Berufs wegen Architekt. Rt Drahtkraft sorgte dafür, daß der Turm in schlaraffische Hand kam. Das Bauwerk selbst gehört als Bestandteil der Burganlage dem Land Hessen; gesichert ist die Nutzung durch einen Erbbaurechtsvertrag bis a. U. 185, dem profanen Jahr 2044. Ein Recht mit Ablaufdatum ist kein Besitz, aber es ist ein Versprechen über Generationen — und es verpflichtet: der Turm muß instand gehalten werden, was von Zeit zu Zeit große Renovierungen verlangt. Die Vorburg mit Krystallinenraum und Schenke wurde in einer Sommerung mit erheblichem Aufwand umgebaut.

Gesippt wird in diesem Turm seit den zwanziger Jahren — ohne Unterbrechung außer durch Diktatur und Seuche. Bis heute empfindet ihn jeder einreytende Sasse neidlos als Ideal einer schlaraffischen Burg, und die unzähligen Einritte aus dem ganzen Uhuversum in jeder Jahrung bestätigen das. Sassenschaft und Burg waren, sind und bleiben eins für dieses Reych.

Heute ist der Dicke Turm als Kulturdenkmal in das Denkmalverzeichnis des Landes Hessen eingetragen — aus geschichtlichen Gründen, mit eigener Denkmalnummer, als Teil der Gesamtanlage Burgareal. Er ist kein öffentliches Gebäude. Einmal im Jahr, am Tag des offenen Denkmals, öffnen sich die Tore. Mehr dazu auf der eigenen Seite.

Die Töchter

Ein Reych, das gedeiht, bekommt Nachwuchs. Im Hornung 1928 gründeten fahrende Ritter der Nauinheimbia gemeinsam mit solchen der Chasalla in Gießen eine neue Colonie; 1927 hatte das Feldlager 276 „Zu den Gyssen“ die Nauinheimbia zur Ziehmutter gewählt, und im Eismond 1930 konnte die Sanktionsfeier der lieben Tochter zelebriert werden. Eine zweite Tochter folgte 1950 mit dem Reych 306 „Ob der Dill“ in Herborn. Aus diesen beiden gingen wiederum die Enkelinnen hervor: 335 Wetiflar in Wetzlar und 323 An der Sieg in Siegen.

Die Wetiflar führt eine eigene Uhunetzseite unter schlaraffia-wetzlar.de. Den ganzen Stammbaum samt den Drillingsreychen zeigt die Seite Töchter, Enkelinnen und Drillingsreyche.

Die dunklen Jahre

Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft zogen auch über das muntere Völkchen der Nauinheimben dunkle Wolken. 1937 kamen die entscheidungsschweren Stunden der „freiwilligen“ Selbstauflösung. Alle Protokolle, Reychsakten und Insignien, die der Gestapo hätten abgeliefert werden müssen, überdauerten die Zeit in der treuen Obhut des Rt Hem-Hem. Es ist dieser Umstand, dem das Reych seine Erinnerung verdankt.

Der Wiederbeginn

Nach dem Krieg scharten sich gut zehn der verbliebenen Getreuen wieder um Uhu — die Belege nennen dafür 1945 und 1946. Unstrittig ist die Marke: Die Nauinheimbia sippte als siebtes Reych nach der Uhufinsternis, in ihrer 370. Sippung, als sei nichts gewesen. Die meisten kehrten zurück; hinzu kamen vertriebene Sassen aus den Ostreychen, die hier eine neue profane und schlaraffische Heimat fanden. Wie ernst das gemeint war, zeigt eine Meldung vom 1. Heumond 1950: Die Nauinheimbia veranstaltete in Landenhausen eine improvisierte Sippung eigens für vertriebene Schlaraffen aus aufgelösten Ostreychen. Geehrt wurde dort der 82jährige R. Obacht auf Bücerl mit dem Großursippenorden.

Die Jahre nach dem Wiederbeginn forderten mit ihren schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen große Opfer. Aber auch das schweißte zusammen. Ein stetiger Aufbau und der Zuwachs neuer Mitglieder ließen die Nauinheimbia erstarken, großartige und charismatische Persönlichkeiten trugen zum Erfolg bei, und die Burg wurde mehrfach saniert und die Vorburg mit erheblichem Aufwand umgebaut.

Ein Tag gehört eigens genannt. Am 6. Ostermond a. U. 92 — dem 6. April 1951 — nahm die Sassenschaft die neu hergestellte Burg wieder in Besitz. Der Bericht der Schlaraffen-Zeitung wählt dafür ein kräftiges Wort: die Burg wurde „gestürmt, und wieder in Besitz genommen“. Zwischen der Selbstauflösung von 1937 und diesem Tag liegen vierzehn Jahre.

Die großen Feste

Daß dieses Reych zu feiern versteht, hat es oft bewiesen. Am 4. Eismond 1969 beging es seine 1000. Sippung. Zum 75. Stiftungsfest am 10. Ostermond 1999 wurde der Festsaal im Kurhaus Bad Nauheim geweiht, und der Allschlaraffische Oberschlaraffe gab die Ehre. Das 50., 60., 66. und 75. Stiftungsfest ebenso wie die 2000. Sippung wurden im Kurhaus gefeiert — technisch, organisatorisch und vor allem künstlerisch Sippungen, die noch lange nachklangen. 2012 feierten die Drillingsreyche Gaudia Mundi, Nauinheimbia und Athenae Gottingenses ihr gemeinsames 88. Wiegenfest im Rosensaal zu Steinfurth. Und im Erntemond 2007 empfing das Reych fünfzig schlaraffische Gäste zum Sommerfest im Bad Nauheimer Kurpark — mit Heißluftballons.

Die Reihe der großen Marken, wie das Reychsarchiv sie verzeichnet:

  • 26. Windmond 1949 — das 25jährige Bestehen
  • 4. Eismond 1969 — die 1000. Sippung
  • 19. Lethemond 1974 — das 50. Stiftungsfest
  • 24. Lenzmond 1990 — das 66. Stiftungsfest im Kurhaus Bad Nauheim
  • Windmond 1994 — das 70. Wiegenfest, mit einem Rückblick auf die eigene Geschichte
  • 10. Ostermond 1999 — das 75. Stiftungsfest
  • 78. Jahrung — die 2000. Sippung, gefeiert im Spiegelsaal des Kurhauses zu Bad Nauheim
  • 21. Lenzmond 2018 — die 2500. Sippung, gefeiert mit Geschichten und Erinnerungen aus dem Reych
  • 9. Christmond 2026 — die Festsippung im Jubeljahr

Wer mehr wissen will, als eine Netzseite tragen kann: Die Reychschronik liegt in vierter Auflage auf 132 gedruckten Seiten vor.

Heute

Spielfreude, die Bewahrung der Tradition und die Pflege der Kunst in ihren mannigfaltigen Ausprägungen bestimmen das Sippungsgeschehen. Ein bunter Strauß von Sippungen mit überschriebenen Themen belebt jede Winterung. In der Jahrung 167/168 steht die 2722. bis 2751. Sippung an — und am 9. Christmond 2026 eine Festsippung mit dem schönen Titel „100 und 1 Jahr sippen wir im dicken Turm“.

Ein warmer und uhuhertzlicher Willekum ist Euch gewiß, wenn wir Euch bei einem Einritt im Dicken Turm begrüßen dürfen.

Die geschichtlichen Angaben dieser Seite sind im elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv belegt, überwiegend in den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung und in der Reychschronik. Die Angaben zur Burg und zur Stadt folgen dem Denkmalverzeichnis des Landes Hessen. Wo eine Lesung unsicher ist, steht es im Text. Das gilt für zwei Punkte besonders: Ob im Dicken Turm seit 1926 oder seit 1927 gesippt wird, geben die eigenen Unterlagen unterschiedlich an — diese Seite nennt darum keine Jahreszahl; und für den Wiederbeginn nach der Uhufinsternis nennt ein Beleg 1945, ein anderer 1946. Wer Unterlagen, Bilder oder Erinnerungen zur Nauinheimbia besitzt, möge sich bitte melden — wir nehmen sie gern auf.


Geschichte der Schlaraffia

Historische Aufnahme einer Schlaraffia-Sippung

🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.

Die Wiege: Prag, 1859

Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.

Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.

Das Spiel breitet sich aus

Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.

New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.

Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte

Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.

Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.

Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss

Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.

Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.

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